Segel bauen mit Claudio’s Gadget

Meine ersten Segel hatte ich ja schon gebaut und im Rahmen des Bau’s der Orion Edge darüber berichtet. Sie funktionierten sogar einigermaßen, waren aber von vornherein dafür gedacht, den Segelbau zu erproben, dass Claudio Gadget auszuprobieren und möglichst aus Fehlern zu lernen. Und da passierten mir schon einige. Es war also eine gute Idee, erst einmal aus preiswerter Geschenkfolie Probesegel zu bauen. Ich verstand jetzt auch erheblich besser, was in diversen YouTube-Videos zum Thema gezeigt wurde und konnte nun mit einem guten Gefühl daran gehen, meine ersten „richtigen“ Segel zu bauen.

Vorbereitungen

Zunächst einmal ging es darum zu entscheiden, nach welchem Entwurf ich bauen wollte. Dieses mal entschied ich mich für ein A- und B-Rigg von Joachim Pelka. Die sind auf seiner Website herunterladbar.

Dann ging es um das Material. Ich wollte unbedingt diese milchig-weiße Mylar-Folie verwenden. Das Segel und seine Position sind dann auf dem Wasser einfach besser sichtbar als bei durchsichtigem Material. Doch die fand ich im Web einfach nirgends (außer bei einem britischen Anbieter, der aber offenkundig mit dem Versand mehr verdienen will, als mit seiner Ware).
Hier bewahrheitete sich die alte Weisheit, dass es die wirklich wichtigen und damit besten Tipps nur gibt, wenn man bei Regatten mit anderen Bootsbauern zusammen kommt. Jens Amenda ist der Betreiber der „RC-Jachtwerft“, die allerdings schon seit längerem offline ist. Sein Lager ist jedoch noch gut gefüllt. Wer also Material für Segel sucht, für den lohnt es sich unbedingt, ihn einfach einmal anzuschreiben: kontakt2008@rcjachtwerft.de (mit Jens‘ Erlaubnis) .

Für das A-Rigg wählte ich 36 my-Folie, für den Top-Bereich 50 my. Für das B- und eventuell später ein C-Rigg sollte dann 50 my-Folie zum Einsatz kommen. Alle anderen erforderlichen Materialien hätte ich auch bei Jens erhalten können, die besaß ich allerdigs jedoch schon.

Joachim’s Pläne hatte ich im Maßstab 1 : 1 auf Papier übertragen und dabei auch eine ca. 6 mm tiefe Vorliekkurve gezeichnet. Dazu eine wichtige Anmerkung: Bei Joachims Plan ist die Vorliekkurve offenkundig bereits bei der Flächenberechnung berücksichtigt. Dies ist jedoch nicht immer bei derartigen Plänen der Fall. Will man an Lieken eines Segels Kurven hinzu fügen, so zählen deren Flächen zwischen Kurve und den entsprechenden Sehnen (die Flächen werden annähernd als Kreissegmente berechnet) nur dann zur Gesamt-Segelfläche, wenn der „Bauch“ tiefer als 2 mm ist. Sie müssen also entsprechend berücksichtigt werden!
Es macht also immer Sinn, eine fertig gestellte 1 : 1 Zeichnung wie ein Segel vor dem Bau des Segels zu vermessen um böse Überraschungen zu vermeiden.

Eine kleine Tabelle zur einfacheren Berechnung der Segelfläche gibt’s hier.

Die Schnittschablonen für die Bahnen habe ich wieder aus 2 mm Plastik gefertigt. An den Schablonen für die Groß wurden dabei an den Lieken jeweils ca. 15 mm breite Streifen hinzu gefügt. So würde ich später genügend Material für das Abkleben und Zuschneiden der Vorliekkurve der Groß und ihrer Achterliek haben.

Eine meiner Schablonen und eine bereits ausgeschnittene Segelbahn

Zunächst zeichnete ich die Bahnen mittels der Schablonen auf den Mylar leicht mit Bleistift an und schnitt sie dann mit einem Cutter-Messer aus. Wichtig: Beim Übertragen der Schablonen unbedingt dabei kleine Markierungen für die Profillinie mit Bleistift an den Nahtseiten anbringen!

Übertragen der Markierung für die Profillinie

Segel kleben mit dem Claudio Gadget

Dann klebte ich die Bahnen mit dem Gadget zusammen. Dabei gehe ich immer wie folgt vor: Von der untersten Bahn zur obersten kleben, die Vorliek liegt immer auf der rechten Seite.
Die Profilwölbung, also den Bauch des Segels lege ich in Grad für jede Klebenaht vorher fest, sofern nicht im Plan vorgegeben. Allgemein ist sie oben stärker als unten. Sofern nicht vorgegeben, liegt der höchste Punkt des Profils jeweils ca. 1/3 der Nahtlänge von der Vorliek entfernt. Dieses Profil wird dann mit dem Gadget in das Segel eingearbeitet.
Dazu wird die Aluschiene mittels Unterlegstückchen (engl. „shim“) gebogen. Als Shimms nutze ich normale Spielkarten. Wie viele Shimms für eine bestimmte Biegung pro Seite benötigt werden, errechne ich ganz bequem mit einer Excel-Tabelle. Zunächst wird die Anzahl der Karten gezählt (bei mir 52), dann die Dicke des Stapels mit einer Schieblehre gemessen. Beide Werte werden in die beiden roten Felder der Excel-Tabelle eingetragen und diese errechnet für die unterschiedlichen Profiltiefen und Nahtlängen die jeweilige Anzahl der erforderlichen Shimms.

Und so arbeite ich mit dem Gadget:

  1. Segelbahn lose auf das Gadget legen, Vorliek rechts.
  2. An der Profilmarkierung und der Klebelinie auf der Schiene ausrichten und mit Krepp auf dem Gadget fixieren
  3. Schienenenden mit Klammern an den Winkeln fixieren.
  4. Doppelseitiges 6 mm Klebeband auf die Aluschiene kleben. Ein paar Zentimeter länger als die Bahn. An den Enden kleine Papierstückchen unterlegen. So kann später alles leicht wieder von der Schiene gelöst werden.
  5. Klammern entfernen und Schiene mit Shimms gem. Tabelle biegen.
  6. Segment anheben, Schutzpapier vom Klebeband abziehen und das Segment spannungsfrei auf die Schiene kleben.
  7. Shimms entfernen und Schiene wieder mit Klammern an den Winkeln fixieren. Man erkennt jetzt eine leichte Welle bei der Mitte der künftigen Naht.
  8. Auf die überstehenden Klebebandenden jeweils zwei Papierstückchen aufkleben/-legen. Die trennen die Klebebänder, so dass das erste Klebeband später wieder problemlos entfernt werden kann. Zweites Klebeband aufkleben und Schutzpapier abziehen.
  9. Zweite Bahn spannungsfrei aufkleben. Profilmarkierung auf Profilmarkierung.
  10. Verklebte Bahnen vorsichtig von Schiene abnehmen.
  11. Unteres Klebeband ebenso vorsichtig abziehen und Naht mit Gummirolle zusammendrücken.
  12. Die weiteren Bahnen folgen in gleicher Weise. Dabei immer Profilmarkierung auf Profilmarkierung! Nur die Anzahl der Shimms muss ggf. geändert werden.

Bearbeitung des Segels

Nachdem alle Bahnen zusammen geklebt waren ging es an das Beschneiden der Segelkanten. Dazu legte ich das Teil auf die 1 : 1 Zeichnung, ausgerichtet an den Nähten und den Profilmarkierungen, straffte die Vorliek leicht und fixierte sie an den Enden mit Krepp auf der Arbeitsplatte.
Um die Wölbung des Profils zu simulieren hob ich dann die Ecke Achter-/Unterliek entsprechend an und befestigte sie mit Krepp an einer Flasche. Dies sollte die Vorliekkante in die später korrekte Position ziehen. Dann klebte ich auf die Außenseite der Vorliekkurve Krepp entlang dem Kurvenverlauf und schnitt dann entlang der Kreppkante das überschüssige Material ab.

Nachdem das Segel wieder flach auf der Zeichnung lag, übertrug ich die Vermessungsmarkierungen von der Zeichnung auf das Segel und markierte sie mit kleinen Pfeilen.
An der Achterliek dienen diese auch als Schnittpunkte zum sauberen Beschneiden der Liek. Das erledigte ich dann mit Cutter und Lineal, da ich hier keine Rundundungen vorgesehen hatte. Damit war die reine Segelfläche fertig gestellt. Sie musste jetzt genau mit der Zeichnung übereinstimmen.

Als nächstes ging es darum, die Verstärkungen und Segellatten aufzukleben. Die Verstärkungen hatte ich aus selbstklebendem, sog. Nummerntuch ausgeschnitten/-gestanzt. An den Ecken sollte dies an den Lieken doppelseitig geschehen, dazwischen wechselseitig. An der Vorliek habe ich die Nähte mit runden 15 mm Verstärkungen (mit Locheisen ausgeschlagen) gesichert. Durch all diesen Verstärkungen sollte später die Groß am Mast angeschlagen werden.
Als Segellatten brachte ich ca. 3 mm breite Streifen aus 0,15 mm starkem Mylar (Schablonenfolie aus dem Airbrushbereich) auf den Nähten an. Dafür nutzte ich Sprühkleber. Ich fixierte Minilatten auf Krepp (sonst fliegen sie beim Sprühen weg), sprühte sie ein und klebte sie auf. An der Achterliek und auf dem Segel sicherte ich sie (und damit auch die Nahtenden) mit Verstärkungen von 15 mm Durchmesser. Wichtig: Auch beim Aufkleben der Segellatten wechselseitig arbeiten damit keine Einseitigkeit am Segel entsteht.

Nun mussten die Löcher für die Anschläge in den Vorliekverstärkungen und den Ecken gefertigt werden. Die schmolz ich mit einem heißen 1 mm Nagel, den ich in eine Holz-Wäscheklammer geklemmt hatte, hinein. Für die Hitze reicht ein normales Gasfeuerzeug. In den Ecken machte ich die Löcher etwas größer, um dort 2 mm Einschlagösen anbringen zu können.

Für deren Verarbeitung der Ösen ist ein passendes Setzwerkzeug (Einschlageisen) unbedingt erforderlich. Öse mit einer Unterlegscheibe versehen, von einer Seite durchstecken, auf der anderen Seite auch eine Scheibe drauf, auf einer harten Unterlage mit dem senkrecht aufgesetzten Setzwerkzeug und ein, zwei gefühlvollen Hammerschlägen vernieten – fertig. Damit war die Groß fertig gestellt.

Verstärkungen mit Ösen. Man erkennt auch einen der Messpunkte

Zuletzt habe ich sie noch einmal mittels der entsprechenden Markierungen vermessen und das Ergebnis mit permanentem Marker an der Unterliek vermerkt. In das Top kam noch ein großes „A“ um sie als zu einem A-Segelsatz zugehörig zu kennzeichnen.

Besonderheit Fock

Die Fock wird weitgehend in gleicher Weise hergestellt wie die Groß. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie mit dem Vorstag verbunden ist, d.h. dieses an der Fock angebracht werden muss. Dafür gibt es mehrere Methoden. Die von mir dafür gewählte ist die eines durchgehenden Tunnels aus einem Gewebestreifen.
Zunächst habe ich einen 18 mm breiten Streifen Icarex zugeschnitten, etwas länger als die Vorliek der Fock.
Dann die Vorliek der Fock mit den Enden mit Krepp straff auf der Arbeitsplatte fixiert, doppelseitiges Klebeband sauber aufgeklebt und darauf dann ebenso sauber den Stoffstreifen.
Dann die Fock um gedreht, wieder fixiert, erst Klebeband und dann auch hier den Stoffstreifen aufgeklebt.
Nun brauchte nur noch alles sauber beschnitten, vermessen, beschriftet und das Vorstag durchgezogen werden. Damit war auch die Fock fertig.

Weitere Infoquellen zum Claudio Gadget befinden sich auf der Link-Seite.

Erkenntnisse

  • Man muss sehr exakt arbeiten! Das ist mir weitgehend gelungen. Einmal habe ich jedoch nicht genügend aufgepasst und beim Beschneiden der Achterliek der Fock ca. 1 mm zuviel abgeschnitten. Das hat mich immerhin gut 5 cm² Segelfläche gekostet. Statt 3 cm² war ich 8 cm² vom Optimum 2.250 cm² entfernt.
  • Für glatte Nähte sollten die Bahnen spannungsfrei verklebt werden. Sonst gibt es unschöne Unregelmäßigkeiten.
  • Bahnnähte wirken schon ein wenig wie Segellatten. Daher werde ich diese künftig zwischen den Nähten anbringen.
So sieht es aus, wenn man nicht spannungsfrei verklebt
  • Die Vorliekkurve werde ich künftig nach T. Laux‘ Methode mit dem gespannten Rigg anzeichnen.
  • Die Entlastungen an den Unterlieken können künftig filigraner ausfallen.
  • Auf das Vermessen am Schluss sollte man keinesfalls verzichten.
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