#7 Projekt Orion Edge 65 – Einbau Mast-/Kieltasche

Die vorbereitete Masttasche konnte nun angepasst und eingebaut werden. Dieses Teil ist nach meiner meiner Meinung dasjenige, welches beim Bau eines RC-Segelbootes die größte Genauigkeit erfordert, denn seine Ausführung hat einen erheblichen Einfluss auf die späteren Segeleigenschaften. Kurz gesagt, es ist frickelig und schwierig.

Einbaureferenzen

Die genaue Position dieses Bauteils im Rumpf ist durch durch den Bauplan vorgegeben, die exakte Positionierung wird durch Referenzen am Rumpf bestimmt.

Die zentrale Referenz ist die sog. Konstruktionswasserlinie (KWL oder aus dem englischen CWL). Deren Verlauf findet man zumeist in den Bauplänen – in denen der Orion leider nicht, und deshalb fragte ich beim Konstrukteur Roland nach. Er stellte mir die u.a. Zeichnung gerne zur Verfügung, die ich mit seiner Erlaubnis hier abbilden darf. Danke, Roland!

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Die CWL der Orion Edge 65

Die CWL ist die obere Kante des blauen Bereiches. Führt man sie um den Rumpf herum, kann man durch die CWL eine gedachte Ebene legen, und die ist entscheidend für die weiteren Arbeiten.

Diese Ebene muss für das Einpassen und den Einbau der Mast-/Kieltasche absolut waagerecht ausgerichtet sein. Längs vom Bug zum Heck und quer von Bordwand zu Bordwand. Ist das der Fall, dann müssen im Ergebnis Kielprofil und später auch der Ruderkoker exakt senkrecht auf dieser Ebene stehen.
Wie und womit habe ich das erreicht?

Zum „Womit?“. Meine Hilfsmittel waren ein stabiler Bootsständer mit Peilmöglichkeit vom Bug zum Heck, zwei Lote und ein selbst nivellierender Kreuzlinienlaser.

Das „Wie?“ muss allerdings etwas umfangreicher erläutert werden.

Einbaupositionen festlegen

Mast-/Kieltasche und Ruderkoker sollten sich idealerweise genau auf der Mittellinie befinden. Beim Bau des Rumpfes kann es jedoch zu kleinen Ungenauigkeiten gekommen sein, die bei der Positionsbestimmung Berücksichtigung finden müssen. Deshalb muss die Lage der Mittellinie überprüft werden. Dafür gibt es zwei Methoden: Die Umfangmethode und die Abstandmethode. Da beide zu leicht abweichenden Ergebnissen führen können, kombinierte ich ihre Anwendung, um dann das Mittel beider Messergebnisse zu verwenden.

Bei der Umfangmethode befestigte ich einen schmalen Papierstreifen auf Höhe der Profilposition, legte ihn bis zur vermeintlichen Mittellinie um den Rumpf und markiert mit einem kleinen Strich die Mittellinie auf Rumpf und Streifen. Dies wiederholt man auf der anderen Rumpfseite mit dem Unterschied, dass nun nur die Markierung auf dem Streifen auf den Rumpf übertragen wird. Die Mitte zwischen beiden Markierungen auf dem Rumpf entspricht der gesuchten Position für das Profil. Im Idealfall sind sie Deckungsgleich.

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Die Umfangmethode. Unten ist der Streifen festgeklammert

Bei der Abstandmethode wird der Rumpf an den Bordwandkanten waagerecht ausgerichtet und mit einem rechten Winkel der Abstand Rumpfaussenseite – vermeintliche Mittellinie gemessen. Die weitere Vorgehensweise ist dann analog wie oben dargestellt.
Das jeweilige Mittel beider gemessener Positionen markiert letztlich die Mittellinie. Auf dieser sollten sich dann später die Kanten des Profils befinden.

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Bei der Abstandmethode finden zwei rechte Winkel Anwendung

Für die Bestimmung der Längspositionen des Profils und des Kokers auf der Mittellinie habe ich einfach ein kleines Brettchen mit einer Klammer am senkrechten Heckspiegel befestigt und vom Brettchen aus im rechten Winkel die Position entsprechend Plan auf dem Rumpf markiert.

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Mein Messaufbau zur Ermittlung des Längsabstands

Vorbereitung des Rumpfes

Die Einbaupositionen standen fest und nun konnte ich die Einbauöffnungen fertigen. Für das Profil zeichnete ich mit der Tasche als Schablone den Profilumriss an. Dann schnitt ich ihn mit der Micromot plus Trennscheibe aus und arbeitete mit einer Diamant-Schlüsselfeile nach.
Das Loch für den Ruderkoker wurde einfach gebohrt. Bohrerdurchmesser = Außendurchmesser Kokerröhrchen.

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Ich ging recht behutsam daran, die Öffnung zu schneiden

Zum Schluss wurden die Schnittränder noch mit Parkettlack versiegelt.
Klar, es war erforderlich, die Öffnungen in den Rumpf zu schneiden, aber irgendwie verspürte ich so ein irrationales Widerstreben dagegen. Doch nicht in meinen schönen, mit soviel Aufwand erbauten Rumpf!

Anpassung der Mast-/Kieltasche an den Rumpfboden

Nun musste ich den Rumpf entsprechend der o.a. Referenzen auf dem Bootsständer ausrichten um die Mast-/Kieltasche zunächst an den Rumpfboden anzupassen.

Als Bootsständer verwendete ich wieder meine Universal-Helling. Um eine waagrechte CWL-Ebene zu erreichen, kamen für die Längsausrichtung mein Kreuzlinien-Laser und für die Querausrichtung die Lote zum Einsatz.
Den Laser ließ ich die CWL von Bug bis Heck markieren, steckte die Tasche zusammen mit dem Kielprofil in den Rumpf und passte sie solange mittels behutsamen Schleifens an der Unterseite an, bis CWL und Profil einen rechten Winkel bildeten. Eine präzise Queranpassung war nicht erforderlich, allerdings hatte ich die Taschenteile vor diesem Procedere an beiden Seiten leicht angeschrägt. Die Arbeit erforderte einige Geduld und immer wieder nachmessen, bzw. nachjustieren.

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Kreuzlinienlaser im Einsatz. Man erkennt gut die Position des Profils im rechten Winkel zur waagerechten CWL
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Der komplette Messaufbau mit noch ungedämpften Loten, dafür mit Mittagessen 😉

Anpassung der Mast-/Kieltasche ans Deck

Die Mast-/Kieltasche soll später im Deck vergleichbar befestigt sein, wie im Rumpf. Daher musste auch die Oberseite entsprechend angepasst werden. Mit einer einfachen Lehre aus flexibler Pappe markierte ich zunächst an der eingesetzten Tasche den späteren Decksverlauf.

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Markierung des Decksverlaufs

Dann sägte ich das ganze ca. 3 mm über dieser Markierung ab und stellte anschließend Masttasche und Kieltasche frei, denn die sollten ja später durch das Deck führen.

Zuletzt klebte ich noch mit Epoxy ein Stückchen CFK-Sandwich unten in die Masttasche, denn sie sollte unten geschlossen sein. Da beim Segeln vom Deck her Wasser in die Tasche gelangen kann, verhindere ich mit dem Sandwichstückchen, dass es eventuell in den Rumpf gelangt.

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Der Decksverlauf plus Freistellungen Masttasche und Kieltasche sind markiert. Unten ist die Kieltasche bereits freigestellt
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Die einbaufertige Mast-/Kieltasche
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Die Masttasche wurde unten mit einem eingepassten Stückchen CFK-Sandwich und Epoxy versiegelt

Einjustieren der Mast-/Kieltasche

Lote sind ein einfaches, wirksames und billiges Messmittel. Was mich aber immer wieder nervte, war die permanente und nur mühsam zu bremsende Rumpendelei. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass manch einer allein deshalb nicht mit Loten arbeitet. Nachgedacht, selbst gemacht. Ich steckte meine Lote – drei zusammen gebundene Muttern – in kleine Döschen mit Spülmittel. Keine Pendelei mehr! Nun war das Arbeiten mit den Loten sehr einfach.

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Die nervenden Pendelbewegungen der Lote konnte ich mit Spülmittel wirkungsvoll dämpfen

Einen kleinen Schock erlebte ich, als ich das erste mal über die Lotlinien und das Profil peilte. Das Profil stand jenseits von Gut und Böse schräg und wollte sich auch partout nicht in die erforderliche Position bringen lassen. Einen Moment dachte ich, ich hätte beim Rumpfbau doch irgend etwas vermurkst.

Zurücklehnen, tief Luft holen, nachdenken! Letztlich fand ich die Lösung. Ich schnitt einen kleinen Keil aus Styropor und richtete damit in kleinen Schritten das Profil aus. Und siehe da, der Rumpf richtete sich senkrecht auf und dann lagen auch Lotschnüre und Profil auf einer Linie, sowie korrekt über die Mittellinien an Bug und Heck.

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Nach dem ersten Schock die Lösung: Feinjustierung des Profils mittels Keil!
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Noch stimmt die Peilung nicht. Die Lotschnur ist allerdings etwas zu dick. Es funktionierte und das Peilen ging sehr gut, aber eine Maurerschnur o.ä. wäre geeigneter gewesen
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An Bug und Heck muss die Lotschnur jeweils oben und unten durch die Mittellinie laufen, Lotschnüre und Profil bei Peilung in einer Linie fluchten. Dann ist alles korrekt

Vielleicht noch ein paar Worte zum Kreuzlinienlaser. Ich habe das Teil für 24 € bei der Amazone erworben und nutze es für alle möglichen Dinge, nicht nur für den Bootsbau. Ich bin begeistert von dem Gerät und in Verbindung mit einem normalen Fotostativ (falls man keines hat, tut es das billigste) erhält man ein sehr vielseitiges Meßgerät. In diesem Fall ist die Abstimmung CWL – Kielprofil ein Kinderspiel ohne irgendwelche Verrenkungen. Wer sich so ein Ding zulegen möchte sollte m.E. auf zwei Dinge achten: Auf ein Stativgewinde und eine Umschaltung zwischen Festeinstellung und automatische Nivellierung, die den Laser quasi in eine Wasserwaage verwandelt.

Einkleben der Mast-/Kieltasche

Ich setzte die Tasche zusammen mit dem Profil wieder ein, richtete alles noch einmal genau aus, peilte entlang der Lote um auch hier eine exakt senkrechte Position des Profils zu erreichen und fixierte – nichts! Der Rumpf vollkommen frei und sauber ausgerichtet im Ständer, stabilisiert durch das mit dem Keil ausgerichtete Profil. Das bedeutete erstens den Klebstoff möglichst berührungsfrei einbringen und zweitens nach der ersten Klebstoffeinbringung alles erschütterungsfrei in Ruhe aushärten lassen.

Mit Tesa und Frischhaltefolie hatte ich das Profil zudem noch sorgfältig abgedeckt und auch in der Tasche hatte ich das Profil zusätzlich noch mal mit Backpapier gegen Epoxy geschützt. Ganz, ganz wichtig, damit bloß nichts anklebt!

Als Kleber verwendete ich normales Epoxy und fixierte die Tasche damit erst einmal. Ich ließ es vom Rührspatel in die Naht zwischen Tasche und Rumpf laufen. Mit einem spitzen Stückchen Balsa sorgte ich dann ganz vorsichtig dafür, dass es wirklich in jede Ritze an der Naht lief.

Erst nach dem Aushärten verstärkte ich rundum die Naht zwischen Tasche und Rumpfboden mit einem Streifen Glas und weiterem Epoxy. Nun durfte wohl in diesem Bereich für ausreichend Stabilität und Dichtigkeit gesorgt sein. Der Rest würde dann durch eine ähnliche Verankerung im Deck erreicht.

Schlussbemerkungen

Die Arbeit als solche empfand ich nicht so umfangreich, wie die Länge dieses Artikels es vermuten lässt. Es galt jedoch etliches äußerst sorgfältig zu beachten, vor allem sehr präzise vorzugehen und auch einige kleinere innere Hürden zu überwinden.

Was habe ich nicht gemacht?

  • Den Rumpf auf dem Ständer fixiert. War für mich erstens nicht erforderlich und zweiten zeigte mir der frei auf dem Ständer liegende Rumpf recht deutlich an, ob alles noch richtig ausgerichtet war.
  • Eine Wasserwaage genutzt. Kreuzlinienlaser und Lote reichten vollkommen. Zumal der lose auf dem Ständer liegende Rumpf aufgrund nur fragiler Stabilität die Anwendung einer Wasserwaage auch nicht zuließ.

Diese Dinge muss aber jeder selbst für sich ausprobieren, bei mir passte es jedenfalls so ganz ausgezeichnet.

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Die fertig eingeklebte Mast-/Kieltasche. Die Glasverstärkung ist kaum erkennbar

Weiter geht’s demnächst mit #8 – ???

 

 

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2 Antworten auf “#7 Projekt Orion Edge 65 – Einbau Mast-/Kieltasche”

  1. Hallo Hartmut, deine Lotschnur ist viel zu dick, dein Gewicht ( Muttern) ist nicht in der Lage die Schnur gerade zu ziehen. Ich verwende dazu Nähgarn bzw Zwirn. VG RainerM

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    1. Danke Rainer, hast recht! Ich hätte besser Maurerschnur o.ä. nehmen sollen. Es hat aber trotzdem und auch damit und mit den simplen Pendelgewichten funktioniert. Vorteil der dicken Schnur: Das Peilen ging leichter. Insgesamt funktionieren Lote erstaunlich gut. Gruß – Hartmut

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